Das perfekte Theater
Keine Sprache ist besser für die Bühne geeignet als die Gebärdensprache. Im Pariser Gehörlosentheater überzeugt sich auch ein immer größer werdendes hörendes Publikum von der enormen Ausdruckskraft von Mimik und Gestik.
Stundenlang ist aus dem kleinen Theater im Pariser Stadtteil Pigalle kein Laut zu vernehmen. Erst nach dem Schlussakt von Shakespeares "König Lear" löst sich die Spannung, und das Publikum klatscht begeistert - oder es winkt begeistert mit den Armen.
An diesem Abend ist etwa ein Drittel der insgesamt 285 Zuschauer im ausverkauften Saal gehörlos. Dieser Teil der Zuschauer klatscht nicht, sondern wedelt mit den Händen. Doch der Star des Abends, die 35jährige und seit der Geburt gehörlose Emmanuelle Laborit, weiß den Applaus ihrer klatschenden wie wedelnden Verehrer gleichermaßen zu schätzen.
Laborit hat soeben den Part der Cordelia, der jüngsten Tochter des tyrannischen Königs Lear, gewohnt souverän und ausdrucksstark über die Bühne des von ihr geleiteten International Visual Theatre in Paris gebracht. Drei Wochen lang lief das Stück Abend für Abend mit großem Erfolg im neuen und erstmals auch dauerhaften Sitz des 1976 gegründeten Pariser Gehörlosentheaters.
Nun geht die Gehörlosentruppe auf Tournee durch ganz Frankreich. Die "Mission" des Stückes bleibt dabei die gleiche. Es geht darum zu beweisen, dass hörende und nicht hörende Personen hervorragend miteinander kommunizieren können.
Leinwanddurchbruch mit "Jenseits der Stille"
Es scheint, dass diese These zumindest in Paris keines Beweises mehr bedarf. Die Lear-Aufführung war ein großer Publikumserfolg, und fast jeden Abend wurde das geräuschlose Theater im Pariser Rotlichtviertel von mehr hörenden als von gehörlosen Zuschauern besucht.
"Hörende Menschen sind es eher gewohnt, ins Theater zu gehen", erklärt Laborit im Interview mit der New York Times, "es wird noch eine Weile dauern, bis sich auch die Gehörlosen, hoffentlich dank unseres Theaters, dieser Kulturform annähern".
Dass sich auch ein so großes "normales" Publikum den gebärdenden Schauspielern angenährt hat, liegt allerdings nicht nur an der unbestrittenen theatralischen Faszination von Gehörlosen-Aufführungen, sondern an der Popolarität der Schauspielerin und Theaterdirektorin selbst.
Emmanuelle Laborit ist dem französischen Theaterpublikum spätestens seit 1992 ein fester Begriff. Damals begeisterte die gebürtige Pariserin Frankreichs Kulturszene mit der Darstellung der taubstummen Sarah in dem Stück "Kinder der Stille". Die Rolle brachte ihr sogar die Auszeichnung mit dem wichtigsten französischen Theaterpreis, dem Prix Molière, ein.
Es folgten weitere bedeutende Theaterrollen und mehrere internationale Filmproduktionen, unter anderem "Jenseits der Stille" unter der Regie der deutschen Regisseurin Caroline Link. Laborit wurde so zu einer auch dem allgemeinen Publikum bekannten Schauspielerin, und in Paris ist sie ein regelrechter Star.
"Geschwätziges Kind"
Ein solcher gefeierter Star darf auch bei den Kulturverwaltern in Frankreichs Politik anklopfen. Mehr als zweieinhalb Millionen Euro staatliche Zuschüsse bekam Laborit, um das neue International Visual Theatre in einem über hundert Jahre alten, abgewrackten Theatergebäude am Pigalle aufzubauen.
Den für französische Verhältnisse ungewöhnlichen englischen Namen verdankt das Gehörlosentheater seinem Gründer, dem US-amerikanischen Regisseur Alfredo Corrado. Mit weiteren amerikanischen und französischen Mitstreitern bildete Corrado im Theater gehörlose Schauspieler aus und gab gehörlosen Kindern Unterricht in Gebärdensprache. Unter diesen Kindern war vor mehr als fünfundzwanzig Jahren auch Emmanuelle Laborit. Heute lehrt sie selbst rund 800 Schülern im Jahr die Geheimnisse der nonverbalen Kommunikation.
"An dem Tag, an dem ich die Gehörlosensprache erlernte, wurde ich zu einem glücklichen und offenen, fast 'geschwätzigen' Kind", teilt Laborit in ihrer Zeichensprache mit, "durch das Theater habe ich gelernt, dass die Gebärdensprache weit mehr ist als nur ein Notbehelf, sie ist eine Sprache wie andere auch, und jeder kann sie erlernen".
Die meisten hörenden Zuschauer hatten an diesem Abend keine Schwierigkeiten, König Lear auch in Gebärdensprache zu folgen. Natürlich war vielen Besuchern der Inhalt des Shakespeare-Klassikers bereits bekannt. So bestand Einigkeit darüber, dass die üblichen Neu-Inszenierungen beziehungsweise "modernen Interpretationen" von Theaterklassikern trotz Stimmeinsatzes weitaus schwerer zu verstehen seien...
Carsten Wollenweber (12.03.2007)