Finnen Europas schwerste Trinker
Alkohol ist in Finnland mittlerweile die Todesursache Nummer eins. Vergangenes Jahr starben mehr finnische Männer an den Folgen des Trinkens als an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Unfällen oder Krebs.
In keinem anderen Staat der Europäischen Union hat das Alkoholproblem so große Ausmaße angenommen wie im normalerweise nur durch erfreuliche Statistiken glänzenden Finnland.
Wie das nationale Statistikbüro Finnlands vergangene Woche mitteilte, waren im Jahr 2005 insgesamt 28 Prozent der Todesfälle von Männern zwischen 15 und 64 Jahren eine Folge chronischen Alkoholmissbrauchs oder einer Alkoholvergiftung. Dies entspricht einem Anstieg der alkoholbedingten Todesfälle bei Männern um gut ein Drittel innerhalb nur weniger Jahre.
Aber auch finnische Frauen trinken immer mehr. Bei ihnen war Alkohol die zweithäufigste Todesursache nach Brustkrebs.
Geschlechterübergreifend trinkt jeder Finne im Erwerbsalter durchschnittlich 10,5 Liter puren Alkohols pro Jahr. Dies entspricht mehr als 200 Litern Bier. Damit hat sich Finnland innerhalb weniger Jahre an Platz eins der europäischen Trinkstatistik geschoben.
Preissturz nach EU-Erweiterung
Ursache für Finnlands freien Fall in der Alkoholstatistik ist nach einhelliger Expertenmeinung ausgerechnet die finnische Mitgliedschaft in der EU. Die Binnenmarktvorschriften der Union zwangen das traditionelle Alkoholhochpreisland, die Steuern auf alkoholische Getränke kontinuierlich zu senken. Auch die Einfuhrbegrenzungen beim Import aus anderen EU-Staaten sind gefallen. So darf seit etwa drei Jahren aus der EU fast unbegrenzt Alkohol für den Privatgebrauch eingeführt werde.
Diese Importfreiheit wurde zum echten Problem im Zuge der großen EU-Erweiterung 2004, als das nahe Estland auf einmal der EU beitrat. Seitdem müssen Finnen auf der Suche nach billigen Auslandsalkohol nicht mehr bis nach Deutschland reisen, sondern können sich nur ein paar Seemeilen von der Landesgrenze entfernt in den baltischen Staaten eindecken. Zwischen Helsinki und Tallinn liegt nur eine schmale Meeresenge, die von vielen Finnen jedoch gar nicht mehr überbrückt zu werden braucht, hat doch der Grenzverkehr auch zu einer Absenkung der Preise im Heimatland geführt.
Finnische Parlamentarier beraten derzeit über Möglichkeiten, den Alkoholkonsum einzuschränken. Gedacht ist an Warnhinweise auf alkoholischen Getränken, ein Verbot von Mengenrabatten und ein Verbot der TV-Werbung für alkoholische Getränke. Außerdem soll der Verkauf alkoholischer Getränke vor neun Uhr (morgens!) verboten werden.
13. November 2006