Makeurope
.home .lifestyle
IT | FR | UK
lifestyle
Der moderne Kunstarbeiter
PhotoMike Smith ist der Mann hinter den "Young British Artists"
 
lifestyle
Franzosen lieben "Ehe light"
PhotoEingetragene Partnerschaften "Pacs" auch unter Heterosexuellen beliebt
videogame_130.jpg"Einstiegsdroge Gameboy"


Mit Suchtverhalten gehen die Niederländer bekanntlich pragmatisch um. Es ist daher kein Wunder, dass die erste Klinik für Videospiel-Süchtige ausgerechnet in Amsterdam ihre Tore geöffnet hat.

"Wir haben Jugendliche, die nicht wissen, wie man mit jemandem von Angesicht zu Angesicht spricht, weil sie die vergangenen drei Jahre damit verbrachten, sich über den Computer mit einem Cyber-Freund in Korea zu unterhalten", erklärt Keith Bakker, Leiter der ersten Videospielsuchtklinik Europas.

Spätestens in einem solchen Fall braucht über die negativen Folgen exzessiven Videospielens nicht mehr spekuliert zu werden. Auch wer sich Tim, einen 21jährigen Insassen der Suchtklinik, betrachtet, sieht sich in möglichen Vorurteilen über die internationale Gaming-Community bestätigt.

Tim dürfte weit mehr als 100 Kilo auf die Waage bringen, seine Haut ist blass, der Blick ist leer. In einem Interview mit der BBC berichtet der Holländer über seine Sucht: "Ich lebte ausschließlich in meinem Zimmer. Um mich herum vier Bildschirme, die X-Box 360, PlayStation 2, die X-Box 1, ein Notebook sowie mein Gamecube. 17 Stunden am Tag hab' ich so verbracht, wenn's nötig war, habe ich sogar in eine Flasche gepinkelt, um das Spiel nicht verlassen zu müssen".

Alternative Freizeitbeschäftigungen

Nun ist Tim auf Entzug. In den bis zu acht Wochen dauernden Therapieversuchen, die Keith Bakker und seine Mannschaft den Süchtigen anbieten, besteht selbstverständlich absolutes Videospielverbot. Hauptziel der Suchtexperten ist es, die Hilfe Suchenden wieder für alternative Freizeitbeschäftigungen zu begeistern.

Dies ist nicht leicht bei Menschen, die bereits seit früher Kindheit die Freizeit hauptsächlich videospielend verbringen. Denn Tims Generation ist mit dem Gameboy, eine "Einstiegsdroge", praktisch aufgewachsen.

Gaming und Doping

Dass Videospiele Zeittotschläger sind, liegt dabei in der Natur der Sache. Die meisten von ihnen haben mehrere Levels, die die Spieler dazu anreizen, möglichst alle Items zu sammeln. Das kostet Zeit und ging bereits so weit, dass ein 28jähriger während des Studiums 14 Stunden täglich spielte und Drogen nahm, um das Pensum bewältigen zu können.

Die Kombination mit anderem Suchtverhalten ist überhaupt erst der Grund, weswegen die renommierte Smith&Jones-Klinik vergangenen Monat eine Abteilung für Videospielsüchtige einrichtete. "Wir hatten immer mehr Suchtpatienten, die fast beiläufig erzählten, dass sie neben ihrer Drogen-, Ess- oder Trinksucht auch viel Zeit vor ihrer Playstation verbringen. Erst dadurch wurden wir auf die Tragweite des Problems aufmerksam", berichtet der Klinikdirektor gegenüber der BBC.

Exitus nach Dauerdaddeln

Wie ernst - und global - das Problem mittlerweile ist, beweist der Fall eines Südkoreaners, der im vergangenen Jahr an den Folgen seiner Spielsucht gestorben ist. Der Mann brach nach 50 Stunden ununterbrochenen Online-Spielens mit mehreren Cyber-Freunden zusammen.

Trotz der extremen Schwere des Falles hält Bakker die Gegebenheit für symptomatisch. "Zahlreiche Online-Gamer, die gemeinsam mit anderen spielen, fühlen sich schuldig, wenn sie die Spielkonsole verlassen müssen", weiß der Spielsuchtexperte.
Die Game-Community ersetzt so schnell was einst ein normales Sozialgefüge genannt wurde.

Bakker ist sich sicher, dass die acht Betten seiner Spielsuchtabteilung in den nächsten Jahren dauerhaft belegt sein werden. Er schätzt, dass etwa jeder fünfte Videospieler bereits spielsüchtig oder akut suchtgefährdet ist. Viele von ihnen sind Kinder, kleine oder große, wie Tim, 21 Jahre und seit kurzem auf dem Weg der Besserung.

Carsten Wollenweber (19.07.2006) 

Weitere Artikel
Groß und klein auf Italienisch
Italien verschärft Drogengesetz