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gondel_150.jpgWenn die Gondeln Plüschsessel tragen


Keine Stadt wird so sehr imitiert wie Venedig. Sowohl in Las Vegas als auch in London gibt es ein "Little Venice", in dem sich Besucher durch künstliche Kanäle schippern lassen. Mittlerweile befürchtet das Original, sich zu sehr dem Imitat anzugleichen. Venezianische Gondolieri sollen daher künftig nur noch "echte" venezianische Gondeln steuern dürfen.

"Venedig darf nicht zum Las Vegas Europas werden", schimpft Roberto Luppi, Vorsitzender des "Verbandes zum Schutz venezianischer Gondeln und Gondolieri". "Viele neue Gondeln sind einfach kitschig, mit knallgelben Dekorationen, goldenen Polstern und bunten Teppichen, die nichts mit der venezianischen Geschichte zu tun haben", fügt Luppi in einem Gespräch mit der italienischen Tageszeitung la Repubblica an.

Als Antwort auf den Kitsch will der Verband nun verbindliche Standards für das schwimmende Stadtsymbol einführen. Ein entsprechender Echtheitsdekalog wurde dem Stadtrat bereits zur Billigung vorgelegt. Ziel ist die Schaffung einer Qualitätsmarke, die nur Gondeln aus echtem Holz und ohne Glasfaserkunststoffe verliehen werden darf.

Gedeckte Farben und klassischer Stil

Außerdem sollen die schwimmbaren Untersätze der insgesamt 425 venezianischen Gondolieri künftig einheitliche Größen aufweisen, beispielsweise dürfen die Sitzlehnen nicht übermäßig hoch sein. Bezüglich der weiteren Inneneinrichtung wird empfohlen, auf zuviel Prunk und Pomp zu verzichten und zum klassischen Stil zurückzukehren. Die Sitzkissen sollten in gedeckten Farben, schwarz, dunkelblau oder bordeauxrot, gehalten werden. Brokat oder sonstiger Plüsch aus Tausend und einer Nacht sind verpönt.

Die Einheitsgondelrichtlinien sollen die wenigen noch verbliebenen traditionsbewussten Handwerker vor der Konkurrenz größerer Produzenten schützen, die massenhaft Boote als "Gondeln" verkaufen, obwohl diese nichts mit der Tradition der venezianischen Originale zu tun hätten.

Neue Zeiten, alte Stilbrüche

"Früher wäre eine solche Maßnahme nicht nötig gewesen", erklärt Luppi, "Respekt vor der Tradition war eine Selbstverständlichkeit. Aber die Zeiten haben sich geändert...", seufzt Venedigs oberster Traditionswahrer.

Allzu sehr haben sich die Zeiten allerdings doch nicht geändert. Schon im Jahr 1562 wurde den Gondeln der Lagunenstadt erstmals ein einheitlicher Anstrich verpasst. Seitdem sind die 10-Meter-Boote schwarz wie das Pech, mit dem sie Jahr für Jahr wieder neu lackiert werden müssen.

Den Einheitslack verordnete als Stadtoberhaupt der Doge Girolamo Priuli. Er wollte damit der ausufernden Prunksucht der Venezianer Einhalt gebieten. Billige Importware spielte damals noch keine Rolle, und Las Vegas war zu jenen Zeiten noch nicht einmal aus dem Wüstenboden gestampft.

Carsten Wollenweber (August 2006)

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