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Auskunft geben statt Tüten kleben


Wenn Sie in Italien die Telefonauskunft wählen, kann es sein, dass Ihnen am anderen Ende der Leitung ein Gefängnisinsasse antwortet. Die Telecom Italia hat bereits drei Call Center in italienischen Haftanstalten eingerichtet.

Wenn von Gefängnisarbeit die Rede ist, denken die meisten unwillkürlich an Tüten kleben, Kerzen ziehen oder sonstige Bastel- und Faltarbeiten. Alles in allem also um technologisch recht schlichte Tätigkeiten.

Da das oberste Ziel der Arbeit hinter Gittern jedoch die Vorbereitung der Insassen auf die Freiheit, ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft sein soll, darf bezweifelt werden, ob solche anspruchslosen Tätigkeiten heute noch ihren Resozialisierungs-Zweck erfüllen. Denn "draußen" lässt sich mit dem Knicken von Weihnachtssternen nun mal kein Geld verdienen.

Um Gefängnisinsassen Tätigkeiten ausführen zu lassen, mit denen sie auch in Freiheit ein legales Einkommen erzielen können, wurden vor drei Jahren im Mailänder Gefängnis "San Vittore" die beiden europaweit ersten "Knast-Call-Center" eröffnet. Das aus einer Zusammenarbeit zwischen dem italienischen Justizministerium und Telecom Italia geborene Projekt ist so erfolgreich, dass es nun auch auf die größte Haftanstalt der Hauptstadt Rom ausgedehnt wurde.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Wie italienische Zeitungen berichten, arbeiten dort seit dem vergangenen Wochenende 40 zu Langzeitstrafen verurteilte Gefangene für den Inlandsauskunft-Service der italienischen Telekom. 2.500 Anrufe am Tag werden von den Häftlingen beantwortet, ohne dass die Anrufenden wissen, wen sie dort am anderen Ende der Leitung haben. Auch bezüglich des Arbeitsrhythmus und der Zahl der Mitarbeiter entspricht das neue Call Center üblichen Telecom Italia-Standards.

Die Bezahlung der inhaftierten Telefonisten ist ebenfalls identisch mit den Einkünften ihrer Kollegen in Freiheit und richtet sich hauptsächlich nach dem Anrufaufkommen. Telecom Italia profitiert lediglich von Steuernachlässen für diese besondere Form der Beschäftigung, auf die die Häftlinge in vierwöchigen Ausbildungskursen vorbereitet wurden.

In einer kurzen Ansprache zur Einweihung des Call Centers drückte der Vorstandsvorsitzende von Telecom Italia, Marco Tronchetti Provera, seine Hoffnung aus, dass das erfolgreiche und weltweit einzigartige Projekt Schule macht. "Wer hier arbeitet, erwirbt Qualifikationen, die es ihm ermöglichen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern und auf legale Art und Weise Geld zu verdienen", sagte Tronchetti Provera. Der bei der Eröffnung ebenfalls anwesende Justizminister Clemente Mastella war von dem Projekt so begeistert, dass er beim Telekom-Chef gleich um die Ausweitung auch auf das Gefängnis von Neapel bat.

Carsten Wollenweber (24.07.2006)

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