|
|
lifestyle
lifestyle
EU vor Sprachkollaps
Der EU-Dolmetscher- und Übersetzungsdienst leidet seit der Erweiterung unter chronischer Arbeitsüberlastung. Dies könnte zu einer Aufweichung des Prinzips der Sprachengleichheit führen. Dass es Probleme geben würde, war klar. Dass die Probleme jedoch so schnell so große Ausmaße annehmen würden, hat selbst Pessimisten überrascht. 3000 Seiten sollen gemäß einer Meldung der italienischen Nachrichtenagentur ANSA jede Woche auf den Schreibtischen in den EU-Übersetzungsbüros liegen bleiben. Schon im ersten Monat nach der Erweiterung, die eine Zunahme der EU-Sprachen von elf auf zwanzig bedeutete, zeigt sich also, dass das derzeitige System der in Brüssel und Straßburg produzierten Textmenge nicht wird standhalten können. Denn eigentlich müssen nicht nur Gesetze, Richtlinien, Verordnungen und Verträge in alle EU-Sprachen übersetzt werden, sondern generell alle offiziellen EU-Dokumente, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Dies schließt auch die Berichte von Ausschusssitzungen des Europaparlaments und ähnliche Texte und Mitteilungen ein. Damit soll sichergestellt werden, dass alle Unions-Bürger das EU-Recht und die Tätigkeit ihrer Organe verstehen können und so etwas wie Sprachengleichheit herrscht. Während also EU-intern englisch und französisch längst die gängigen Arbeitssprachen sind, muss nach außen das Prinzip der Vielsprachigkeit gewahrt bleiben. Problemsprache maltesisch Zweifel, ob die Kosten für den EU-Übersetzungsdienst gerechtfertigt sind, hat es immer gegeben. Mit der Erweiterung am 1. Mai diesen Jahres und in Anbetracht weiterer Erweiterungsrunden wurden die Zweifel und die praktischen Probleme - es ist noch immer nicht gelungen, alle nötigen Stellen für die maltesischen Dolmetscher zu besetzen - jedoch immer größer. Der erste praktische Vorschlag, die Arbeitsüberlastung der Übersetzungsdienste zu begrenzen, wurde gemäß ANSA in dieser Woche vom EU-Kommissionsvizepräsidenten Neil Kinnock gemacht. 1 Milliarde Euro Kosten Offizielle EU-Dokumente - Texte mit Gesetzesrang ausgenommen - sollen demnach gemäß einem ANSA vorliegenden Arbeitspapier zukünftig nicht mehr vollständig in alle Gemeinschaftssprachen übersetzt werden. Stattdessen soll künftig eine bis zu 15 Seiten umfassende Zusammenfassung des englischen und französischen Originaltextes ausreichen, um auch weiterhin keine Sprache zu diskriminieren. Kinnocks Idee soll erstmals am 9. Juni ausprobiert werden. Die Reaktionen seitens der EU-Bürokraten und eventuelle Einwände einfacher Bürger werden darüber entscheiden, ob das Übersetzungsexperiment, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, fortgesetzt wird. Bei Beibehaltung des jetzigen Systems kosten die Übersetzungen die EU jährlich etwa 1 Milliarde Euro. Insgesamt müssen rund 2,5 Millionen Seiten bewältigt werden. Dabei müssen die Übersetzer theoretisch mit bis zu 380 Sprachkombinationen klar kommen. (26.05.2004)
Weitere Artikel
Übersetzungen werden EU jährlich über 1 Mrd. Euro kosten
1 Million mehr Seiten pro Jahr nach Erweiterung
"Wir setzen auf Mehrsprachigkeit"
Interview mit dem Direktor des Goethe-Instituts in Rom
"Komm rein und find wieder raus"
Englische Werbeslogans werden in Deutschland kaum verstanden |
|
|
|