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tifosi_roma_150.jpgDas ewige Stadtderby


Am Mittwoch (19.03.) steigt wieder mal eines der heißesten innerstädtischen Fußballduelle der Welt. AS Rom gegen Lazio Rom. Wie immer beim Hauptstadtderby wird es für beide Mannschaften wichtiger sein, nicht zu verlieren als zu gewinnen. Im Fall der Niederlage wäre die Häme des "feindlichen" Fanlagers unerträglich. Roma- und Lazio-Fans gelten als durch tiefste Abneigung verbunden. Bei genauem Hinsehen wird in all dem Hass jedoch auch ein Stückchen Liebe sichtbar.

Wenn Sie den "Mann auf der Straße" fragen, was im Jahr 1929 geschah, sind die meisten schnell mit der Weltwirtschaftskrise und ihren Folgeerscheinungen bei der Hand. So wird zumindest auf den meisten Straßen dieser Welt geantwortet - aber nicht überall. Ausgerechnet in der einstigen "Hauptstadt der Welt" und heutigen Hauptstadt Italiens, in Rom, ist das Jahr 1929 aus ganz anderen Gründen in Erinnerung. Es ist das Jahr, in dem für Rom eine neue Zeitrechnung begann, die Ära des "Derbys", des ewigen Duells der beiden größten Fußballklubs der Stadt.

Es war ein kühler Herbsttag, der 8. Dezember, Festtag der "unbefleckten Empfängnis Mariä", als AS Rom, "la Roma", und Lazio Rom erstmals aufeinander trafen. Der AS Rom war damals gerade zwei Jahre alt, die bereits 1900 gegründete "Società Sportiva Lazio" konnte da schon auf eine lange Clubgeschichte zurückblicken. Das heute von beiden Vereinen gemeinschaftlich genutzte Olympiastadion gab es noch nicht, gespielt wurde in der "Rondinella", im damals schon feinen römischen Viertel Flaminio/Parioli.

Eigentlich ein Heimspiel für Lazio, so hieß es zumindest auf dem Papier. Doch noch heute versäumt es keine Website nostalgischer Roma-Ultras darauf hinzuweisen, dass bei jenem ersten Derby "neun von zehn Zuschauer die gelbrote Fahne des neuen Klubs aus dem Arbeiterviertel Testaccio schwenkten". Lazio-Tifosi bestreiten diese These hartnäckig, trifft sie doch den wunden Punkt eines jeden Lazio-Anhängers, nämlich die Fan-Verteilung innerhalb der heutigen Dreimillionen-Metropole Rom.

Stadt und Umland

Verlässliche Daten sind zu dem Thema nicht zu finden. Auf die Frage, wie sich Roma- und Lazio-Anhänger zahlenmäßig aufteilen, antwortet Claudio, Taxifahrer und - wie sich schnell herausstellt - eingefleischter Roma-Tifoso, nur abschätzig: "Mah, in città i laziali sono pochi". Das heißt soviel wie: "In der Stadt selbst gibt's von diesen Lazio-Fans eigentlich recht wenig".

So wenig scheinen die "Laziali" aber doch nicht zu sein. An jeder zweiten Kreuzung, wann immer ihm jemand die Vorfahrt nimmt, zischt Claudio ein leises "Laziale" in seinen Bart. Erst nach längerer Fahrtdauer wird klar, dass das nicht wörtlich gemeint ist. Der Romanista Claudio benutzt das Wort "Laziale" wie ein Schimpfwort, wenn er flucht. Und Claudio flucht oft...

Dennoch hat der fluchende Taxifahrer nicht ganz Unrecht mit seiner Einschätzung, dass die Lazio-Anhängerschaft in Rom klar in der Minderheit ist. Sie findet sich vornehmlich im Norden Roms, in Lazios Gründungsviertel Prati, in Parioli oder entlang der Via Cassia. Im Rest der Stadt, je mehr Arbeiter und Angestellte die Sozialstruktur prägen, dominieren hingegen die Farben der "Roma".

Derby-Geschichte in Bildern

Allerdings hat Lazio Rom weit mehr Anhänger als Roms gutbürgerliche Viertel Einwohner. Gemäß unabhängigen Marktforschungsinstituten soll Lazio sogar der Klub sein, der mit rund zweieinhalb Millionen Fans die fünftgrößte Anhängerschaft aller Fußballvereine in ganz Italien aufweisen kann. Nur Juventus Turin, Inter und AC Mailand sowie Dauerrivale AS Rom können auf mehr Fan-Unterstützung zählen.

Woher kommen all die Massen, wenn die Lazio-Fans "in città" nur wenige sein sollen? Die Erklärung liegt bereits im Namen des Vereins. Lazio ist der italienische Name der die Stadt Rom umgebenden Region Latium. Seit ihrer Gründung sieht sich der Club daher als "über Rom hinausgehend" und wendet sich deshalb auch ausdrücklich an die Bewohner des Umlands der Ewigen Stadt. Die danken es von Herzen. Zwischen Viterbo, Cassino und Latina gibt Lazios hellblau-weiße Fahne eindeutig den Farbton an.

Rechts und links

Viterbo, Cassino und Latina sowie das gesamte römische Hinterland sind aber auch Hochburgen der politischen, teilweise noch faschistisch-nostalgischen Rechten. Die Rivalität zwischen Lazio und AS Rom wurde daher immer auch als politischer Konflikt zwischen einer überwiegend rechten und einer überwiegend linken Anhängerschaft gedeutet.

Bis noch in die 80er Jahre hinein dürfte an dieser Interpretation auch einiges dran sein. Unvergessen sind die jeweiligen Fangruppen, die rechtslastigen "Eagles's Supporters" in Lazios Curva nord und das linke CUCS in der Curva sud. Die historischen Fangruppen verloren im Laufe der Zeit jedoch an Bedeutung und wurden durch eine Vielzahl von Fanklubs abgelöst, von denen Lazios "Irriducibili" ("Die Unerbittlichen") und Romas "Boys" nur die bekanntesten sind.

Gemein ist den neuen Fanorganisationen beider Klubs jedoch, dass sie fast alle am rechten Rand der Gesellschaft anzusiedeln sind. Der politische Konflikt zwischen Lazio- und Roma-Fans hat sich damit praktisch aufgelöst, beide Kurven sind in rechter Hand. Geblieben - und das gilt auch für die Haupttribünen - ist hingegen die Trennlinie zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Rom und seinem Umland, beziehungsweise die innerrömische Trennlinie zwischen Roms reichen und den etwas weniger betuchten Vierteln.

AS Rom führt 43 zu 32

Geblieben ist aber auch eine Derby-Geschichte, die jedes Spiel der beiden Mannschaften in einen unendlichen Kontext einordnet. Im Vergleich zu anderen Ländern unterscheiden sich italienische Fußballfans durch Zahlenversessenheit und extremes historisches Detailwissen - zwei Leidenschaften, die leicht in Aberglauben übergehen. Daher ist natürlich jedem echten Roma- oder Lazio-Fan die ewige und immer wieder neu zu aktualisierende Ergebnisliste des Stadtduells bestens bekannt. 43 zu 32 Siege bei 54 Unentschieden lautet da die Bilanz zugunsten des AS Rom vor dem jüngsten Derby am kommenden Mittwochabend.

Zwischen diesem jüngsten und dem ältesten Derby liegen insgesamt rund 80 Jahre erbitterten Kampfes um die fußballerische Stadthoheit über Rom. In die Geschichte eingegangen sind Spielabbrüche wegen falscher Todesmeldungen (2004), ein echtes, durch einen Feuerwerkskörper ums Leben gekommenes Todesopfer unter den Lazio-Fans (1979) sowie die alle Jahre durchziehenden Spruchbänder jeglichen Geschmacks- und Intelligenzniveaus.

Derby wichtiger als Meisterschaft

Die Spruchbänder in den jeweiligen Kurven sind der sichtbarste Spiegel der Rivalität zwischen den beiden Klubs. In den letzten Jahren ließ sich dabei ein Trend weg von der Ironie, hin zu politischer Radikalität sowie nicht zitierfähigen Beleidigungen beobachten. Dabei ist die Rivalität zwischen den Klubs heute nicht stärker ausgeprägt als vor Jahrzehnten. Romanisti und Laziali konnten sich noch nie riechen. Für den "echten" Tifoso ist der Derby-Sieg zeitlebens wichtiger als ein etwaiger Titelgewinn in der italienischen Meisterschaft.

Diese fast irrational zu nennende Prioritätensetzung muss wohl damit zusammenhängen, dass Fußballfans in Italien und vor allem in Rom mehr als anderswo dazu neigen, sich gegenseitig zu verspotten. Und Italiener lieben es nicht, verspottet zu werden. Aus diesem Grund ist es für sie wichtiger, nicht zu verlieren als zu gewinnen, womit sich auch die überdurchschnittlich hohe Unentschieden-Rate in Italiens Serie A erklären ließe.

Für den Roma-Fan zählt nun mal mehr, dass ihm der Lazio-Kollege im Büro nicht ein halbes Jahr lang mit dem letzten Derby-Sieg in den Ohren liegt als dass AS Rom Meister wird. Darüber würde sich ja nur der Rest Italiens ärgern, mit dem der Durchschnittsrömer nicht viel zu tun hat. Für den täglichen Stellungskrieg in Roms Straßen, Schulen und Büros ist daher nur das Derby entscheidend. Die Stimmung ist immer nur so gut wie das Ergebnis des letzten Stadtduells. Und das Leid des einen ist die Freude des anderen...

Geliebter Feind

Kein Beispiel verdeutlicht dies so sehr wie die Episode, die sich Ende der Saison 1972/73 abgespielt hat. Lazio war damals in großer Form und lieferte sich mit Juventus Turin, dem zweitschlimmsten Feind der Romanisti, und dem AC Mailand einen Dreikampf um die Meisterschaft. Am letzten Spieltag musste Juventus beim AS Rom antreten, während Lazio in Neapel versuchte, den Zweipunkterückstand auf "Juve" wettzumachen. Auf die Schützenhilfe ihres Stadtrivalen mussten die Lazio-Fans jedoch vergeblich hoffen. 90 Minuten lang feuerten die Roma-Fans an jenem denkwürdigen Spieltag die verhasste gegnerische Mannschaft an, nur um Lazio den möglichen Titel zu verderben. Juventus gewann durch ein Tor in der vorletzten Minute und wurde zum x-ten Mal italienischer Meister. Die Lazio-Fans litten wie selten zuvor in ihrem Leben, wodurch die Roma-Tifosi mehr als genug für eine miserable Saison ihrer eigenen Mannschaft entschädigt wurden.

Zu sehr sollen die Stadtrivalen aber nun auch wieder nicht leiden. Als Lazio Rom Anfang der verganegnen Saison (im Sommer 2006) im Zuge des italienischen Fußballmanipulationsskandals der Zwangsabstieg drohte, war von Schadenfreude oder Genugtuung auf Seiten der AS-Rom-Fans wenig zu spüren. Stattdessen machte sich fast in der ganzen Stadt so etwas wie Erleichterung breit, als das Sportgericht in zweiter Instanz Lazios Zwangsabstieg in eine Punktabzugsstrafe umwandelte. Ein Jahr ohne Derby, das gab's ja nur ein paar Mal in den 60er und in den 80er Jahren, als Lazio insgesamt fünf Spielzeiten in der Serie B verbringen musste. Das waren auch für die Roma-Fans keine schönen Saisons, ihnen fehlte auf einmal der Lieblingsgegner, echte Befriedigung war ohne Derby kaum möglich.

Daher muss das römische Stadtderby wohl wie eine einzige große Hassliebesgeschichte gelesen werden. Mehr als sich zu verachten, brauchen die Fans der jeweiligen Lager einander. Am 8. Dezember des Jahres 1929 haben sie sich endlich gefunden. Auch Lazio-Fans erinnern sich gerne an dieses Datum, obwohl ihre Mannschaft in jenem ersten Derby der Roma mit 1:0 unterlag. Aber das war ja nur der Anfang des ewigen Stadtduells...

Carsten Wollenweber, Rom, 18.03.2008