Strom aus Strömung: Wellenkraftwerk vor Küste Portugals eingeweiht
Die Suche nach der perfekten Welle dürfte künftig nicht nur Surfer, sondern auch Energieversorger beschäftigen. Denn sauberer und erneuerbarer Strom aus Wellenkraftwerken hat es mittlerweile zur Serienreife gebracht. In dieser Woche wurde vor Portugal Europas erste kommerzielle Anlage in Betrieb genommen.
Die Anlage steht - beziehungsweise schwimmt - in etwa fünf Seemeilen Entfernung vor dem nordportugiesischen Atlantikküstenort Agucadoura. Die Wellen schlagen hier so hoch, dass sich auch Nicht-Physiker in Anbetracht der gewaltigen Naturkräfte fragen, ob sich aus soviel ungezügelter Energie nicht irgendwie Strom gewinnen ließe.
Dies ist nun der schottischen Firma Ocean Power Delivery gelungen. Wie portugiesische Zeitungen berichten, ist das relativ junge Unternehmen Vorreiter in einer Technologie, die Experten gern anschaulich mit dem Aussehen einer Seeschlange vergleichen. Denn der am 1. Oktober feierlich eingeweihte erste Wellenpark Europas ist keine feste Konstruktion, sondern besteht aus drei am Meeresboden verankerten, sich aber sonst frei bewegenden, etwa 100 Meter langen, zylindrisch geformten Bojen. Der Wellengang bewegt die drei mit hydraulischen Kolben bestückten "Seeschlangen", diese treiben wiederum einen Generator an, dessen Funktionieren mittlerweile als so zuverlässig gilt, dass die Anlage nun Netzstrom liefern kann.
"Hochenergetisches Wellenklima"
Die Leistung des noch ausbaufähigen Kraftwerks soll reichen, den Elektrizitätsjahresbedarf von rund 2.000 portugiesischen Familien zu decken. Sollte die kommerzielle Testphase erfolgreich verlaufen, ließe sich die Produktion durch das Hinzufügen weiterer "Seeschlangen" auf bis zu 500 Megawatt steigern. Damit ließen sich dann schon 350.000 Familien versorgen, und die Energiequelle würde den Rang einer echten Alternative zur herkömmlichen Stromgewinnung erreichen.
Das Potential hierfür ist zweifellos vorhanden. Ein aus zahlreichen Forschungseinrichtungen und Unternehmen bestehendes europäisches Aktionsbündnis zur Förderung der Energie aus dem Meer bezeichnet das Wellenklima an der europäischen Atlantikküste als "hochenergetisch". Ressourcen in einer Größenordnung von fast 300 Gigawatt versteckten sich dort. Für die Suche nach den besten Standorten könnte hingegen schon eine Umfrage unter Surfern ausreichen. Die ritten bereits auf den perfekten Wellen von Agucadoura, als dort von erneuerbaren Energien noch keine Rede war und Seeschlangen allenfalls nach dem dritten Joint gesichtet wurden.
Carsten Wollenweber (02.10.2007)
Foto: Aquatera