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Der moderne Kunstarbeiter
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hai_maul_150.jpgDer moderne Kunstarbeiter


Bei Konzeptkunst zählt nur die Idee. Um ihre Umsetzung kümmern sich Leute wie Mike Smith, Großbritanniens berühmtester Kunsthandwerker.

Mike Smith braucht keinen Künstlernamen. Sein Allerweltsname, einer der häufigsten und geläufigsten in Großbritannien, ist perfekt für seine Arbeit. Denn obwohl Britanniens zahlreiche "Tempel der Modernen Kunst" ohne sein Zutun sehr viel leerer wären, ist Mike Smith kein Künstler, sondern ein Kunstgehilfe, sozusagen ein anonymer Schattenmann der Kunst. Er hilft all den Mark Wallingers, Michael Landys, Damien Hirsts oder Steve McQueens das zu erstellen, wofür sie berühmt geworden sind: aufwändige Konzeptkunstwerke.

Mehr als 600, größtenteils englische Künstler haben bereits an die Tür des Fabrikgeländes in Londons Südosten geklopft. Sie kamen zu Mike Smith mit einer Idee, hatten jedoch nicht die geringste Ahnung, ob und wie diese umzusetzen sei.

Mike Smith hört zu, sagt auch schon mal, dass die Idee nichts taugt, und in den meisten Fällen hat er die Lösung parat. Ingenieurwissen und beste Kenntnisse über die Beschaffenheit verschiedenster Materiale sind das A und O seines ungewöhnlichen Berufs.

Sinnbild der Vergänglichkeit aus Formaldehyd

Welche Flüssigkeit ist am besten geeignet, einen ausgewachsenen toten Hai am besten zu konservieren? Mike Smith weiß die Antwort. Es ist Formaldehyd, und der darin von Damien Hirst eingelegte Tigerhai (Foto) wurde zu einem der "eindrucksvollsten Sinnbilder der Vergänglichkeit, das die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Kunst hervorgebracht hat" (FAZ).

Was könnte man mal mit dem leeren Sockel auf Londons Trafalgar Square machen, fragte sich einst Rachel Whiteread, bevor ihr die Idee kam, einfach einen genau so großen, aber auf den Kopf gestellten Sockel über den leeren Plinth zu stülpen. Kunstberater Smith sagte der Symbolfigur der "Young British Artists", dass ein solches Kunstwerk nur mit dem lichtdurchlässigen Kunststoff Polyurethan zu bewerkstelligen sei. Das weltweit Aufsehen erregende "Monument" war geboren.

Material- und Arbeitskosten

Mike Smiths Kundenliste ist endlos. Michael Landy ließ sich von dem seit 1989 aktiven Mittvierziger das Haus seiner Eltern nachbauen und in der Tate Gallery neu errichten, Steve McQueen hat in Smiths 1000-Quadratmeter-Werkstatt seine Briefmarkenreihe mit den Abbildern von im Irakkrieg gefallenen britischen Soldaten bestellt.

Bei soviel geballter Kunst stellt sich die Frage, ob Mike Smith eigentlich so wohlhabend wie einige seiner berühmtesten Auftraggeber ist. Smith lässt aber sogleich erkennen, dass seine Entlohnung in keinem Zusammenhang mit dem Wert steht, den einige "seiner" Werke auf dem Kunstmarkt erzielt haben.

"Meine Preise hängen vom verwendeten Material und von den geleisteten Arbeitsstunden ab", sagt der Kunsthandwerker im Interview mit der italienischen Zeitung la Repubblica.

Elf Mitarbeiter in Kunstfabrik

Dass Smiths Handwerk nicht brotlos ist, beweist immerhin die Tatsache, dass mittlerweile elf feste Mitarbeiter in der Kunstfabrik, dem Mike Smith Studio, tätig sind. Die meisten von ihnen möchten - wie ihr Chef Smith einst auch - selbst einmal Künstler werden. Denn es braucht schon eine gewisse Demut, ein Leben lang hinter den gefeierten Artisten zu stehen, obwohl deren Werke ohne ihre konzeptionelle Beratung und tatkräftige Hilfe niemals erstellt worden wären.

Mike Smith hat diese Demut verinnerlicht. Wenn er zu Ausstellungen geht, denkt er sich nicht "Das Werk da hab ich gemacht". Ihm reicht es zu wissen, dass "das Werk da" ohne ihn gar nicht aufrecht stehen könnte.

Man muss wohl mit einem Allerweltsnamen wie Mike Smith aufgewachsen sein, um so bescheiden sein zu können.

Carsten Wollenweber (November 2007)
Foto: Reuters

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