Karikatur als Kunst - Interview mit Ali Farzat
"Ich würde niemals Gott oder seine Propheten ins Lächerliche ziehen, Päpste, Priester und Imame aber durchaus." Mit diesen Worten erklärt der bekannteste Karikaturist der arabischen Welt, was er vom "Karikaturen-Streit" hält. In unserem Exklusiv-Interview mit dem syrischen Künstler geht es jedoch um vieles mehr...
Ali Farzat ist seit mehr als 30 Jahren international als Karikaturist erfolgreich. Seine meist farbigen Zeichnungen erscheinen in einigen der bedeutendsten Zeitungen der Welt: Le Monde, Washington Post, Los Angeles Times...
Im Jahr 2001, nach dem Tod des Syrien 30 Jahre lang mit harter Hand regierenden Präsidenten Hafiz al-Asad, dufte Farzat mit Genehmigung des neuen Präsidenten und Sohn des Vorgängers, Bashar al-Asad, auch im eigenen Land publizistisch aktiv sein. Die von ihm gegründete Satirezeitschrift Ad-Domari (Das Licht im Dunkel) war nach 38 Jahren die erste privat herausgegebene Zeitung des Landes. Der "syrische Frühling" währte jedoch nur kurz. Schon zwei Jahre später musste das überaus erfolgreiche, in 75.000-facher Auflage erscheinende Blatt nach staatlichem Druck wieder schließen.
Anlässlich einer in Rom stattfindenden Ausstellung des Lebenswerkes Farzats hatte Tiscali Europa Gelegenheit, mit dem in Damaskus lebenden Künstler zu sprechen.
Tiscali Europa: Herr Farzat, Ihre Ausstellung in Rom ist ein großer Erfolg. Haben Sie mit diesem Andrang gerechnet?
Ali Farzat: Ehrlich gesagt habe ich so viele Besucher nicht erwartet. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass die Aktualität des Themas Karikaturen zum Erfolg der Ausstellung beigetragen hat. Rom hat mich jedoch schon immer mit offenen Armen aufgenommen. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb mein Sohn Muhanad, der als Karikaturist vielleicht mehr Talent hat als ich, seit Jahren in der italienischen Hauptstadt lebt und arbeitet.
Tiscali Europa: Allerdings haben Sie einmal gesagt, dass Sie in Europa Paris am meisten lieben...
A.F.: Das ist auch heute noch so! Ich bin ja Künstler und kein Kunsthistoriker. Für Künstler bietet Paris ein viel lebendigeres Umfeld als Rom. Außerdem liebe ich Paris, weil ich da "berühmt" geworden bin.
Tiscali Europa: Richtig! Das war im Jahr 1989. Sie hatten damals ihre erste große Ausstellung in Westeuropa und...
A.F.: Und es hat einen handfesten Skandal gegeben. Der irakische Botschafter verlangte, dass ein Bild von mir - ein General, der einem Verhungernden statt Nahrung Orden in den Teller schüttet - entfernt werden würde. Es wurde gesagt, dass dieses Bild Saddam Hussein darstellte.
Tiscali Europa: Sollte es denn den irakischen Diktator darstellen?
A.F.: Ja und Nein. Ich nehme mit meinen Zeichnungen niemals eine konkrete Person, sondern nur gewisse Typen und typische Verhaltensweisen aufs Korn. Meine Karikaturen sind niemals im engen Sinne tagesaktuell, sondern bleiben - leider - immer aktuell. Nehmen Sie meine Karikatur des Folterknechts, der sich nach getaner Arbeit von einem Fernsehfilm rühren lässt. Die Zeichnung ist vor vielen Jahren entstanden. Aber wer sie heute betrachtet, denkt dabei nicht unwillkürlich an Abu Ghraib?
Tiscali Europa: Auf diese Weise, nämlich eher Kunstwerke als Karikaturen zu schaffen, ist es Ihnen auch gelungen, die Zensur in Ihrem Heimatland Syrien zu umgehen?
A.F.: Leider ist mir das nicht immer gelungen, sonst wäre meine Zeitung vor drei Jahren nicht geschlossen worden (lacht). Aber Sie haben natürlich Recht. Anfangs war mein Stil, der ja auch keine Sprechblasen oder ähnliche Beschriftungen in den Karikaturen vorsieht, ein Mittel um die Zensurbehörde gnädig zu stimmen. Erst dann ist mir bewusst geworden, dass dieser Stil prägend war und sich heute eine ganze Generation von Karikaturisten auf diese Kunstform beruft.
Tiscali Europa: Offenbar nicht alle. Die im Jyllands Posten abgebildeten Mohammed-Karikaturen haben mit Ihrem Stil nicht viel gemein...
A.F.: Gewiss nicht. Obwohl mir die Karikaturen nicht gefallen, möchte ich trotzdem sagen, dass ein Großteil der Aufregung in der arabischen Welt, einschließlich in meinem Land Syrien, staatlich organisiert und hochgespielt wurde. Das fiel in diesem Fall aber auch nicht schwer. Ein größerer Gefallen als mit diesen Karikaturen konnte Extremisten- und Terrororganisationen wie Al-Quaeda nicht gemacht werden...
Tiscali Europa: Ist es denn für Sie vorstellbar, Glauben lächerlich zu machen?
A.F.: Ich habe Respekt vor Allem, was Menschen heilig ist und ziehe es vor, die Mächtigen und nicht die Schwachen lächerlich zu machen. Religion ist jedoch kein Tabu für mich, allerdings nur in ihren menschlichen Aspekten. Mit anderen Worten: Ich würde niemals Gott oder seine Propheten ins Lächerliche ziehen, Päpste, Priester und Imame aber durchaus.
Das Gespräch mit Ali Farzat wurde im Februar 2006 in Rom geführt. Die Fragen stellte Carsten Wollenweber.
Bildergalerie einiger der schönsten Karikaturen Ali Farzats