Vatikan - Hort des Verbrechens
Was importierte Kriminalität bedeutet, ist den nur 492 Kirchenstaat-Bewohnern wohl bewusst. Der Mini-Staat im Innern Roms hat die höchste Kriminalitätsrate der Welt.
Da sich die Verbrechensrate aus dem Verhältnis der Straftaten- zur Einwohnerzahl ergibt, ist der "Heilige Stuhl" statistisch gesehen der Staat mit der höchsten Kriminalitätsrate der Welt. Wie Generalstaatsanwalt Nicola Picardi zu Eröffnung des Justizjahres in diesem Monat mitteilte, waren vatikanische Gerichte im Vorjahr mit insgesamt 472 Strafverfahren befasst.
Dies sind fast soviel Strafverfahren, wie der Vatikan Bewohner hat. Doch dürfte kaum einer der 492 Vatikanbürger selbst in einen dieser Prozesse verwickelt sein. Die registrierten Verbrechen und Vergehen würden vielmehr von den rund 20 Millionen Besuchern begangen, die jährlich Petersdom, -platz und Vatikanische Museen besichtigten, führte der Chefankläger aus. Meist handle es sich um Handtaschendiebstähle oder andere Formen von Kleinkriminalität.
Offene Grenzen
Bei der Verfolgung solcher Vergehen besteht dem Staatsanwalt zufolge das Problem, dass die Täter in der Regel auf italienisches Territorium flüchten. Obwohl es sich de facto um zwei souveräne Staaten handelt, bestehen keinerlei Grenzkontrollen zwischen der Enklave und dem römischen Stadtgebiet.
Sollten die Straftäter erst auf italienischem Gebiet festgenommen werden, unterliegen sie der chronisch überlasteten italienischen Justiz. Statt innerhalb weniger Tage von einem vatikanischen Gericht abgeurteilt zu werden, ziehen in Italien Monate, wenn nicht Jahre ins Land, bevor es zur Verhandlung kommt.
Gesetzestreuer Pilgerstrom
Picardi bedauerte ausdrücklich diese zwei Geschwindigkeiten in der Rechtssprechung, hatte jedoch auch Positives zu berichten:
So sei während des Tods von Papst Johannes Paul II., in der Woche vom 2. bis zum 8. April, als sich bis zu 3 Millionen Pilger auf den Weg nach Rom machten, im Kleinstaat kein einziges Verbrechen gemeldet worden. Dies wäre ein "außergewöhnliches Phänomen", da mit einem höheren Besucheraufkommen normalerweise auch die Kriminalität steige.
Das Wort "Wunder" nahm des Papstes Staatsanwalt in diesem Zusammenhang allerdings nicht in den Mund. Für solche Deutungen ist im wohlgeordneten Kirchenstaat ein anderes Gremium zuständig.
Carsten Wollenweber (20.01.2006)