Finnen wollen Wölfe jagen
Glaubt man der jüngsten Eurobarometer-Umfrage, sind Finnen nach Österreichern die gegenüber der Europäischen Union am skeptischsten eingestellten EU-Bürger. Ein Grund für die Ablehnung dürfte auch darin liegen, dass die EU den Finnen durch ihre Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie die Wolfsjagd verbietet.
Das hohe Wohlstands- und Zivilisationsniveau, aber auch die geografische Randlage Finnlands haben nirgendwo mehr als im "Land der tausend Seen" eine Haltung entstehen lassen, nach der sich zahlreiche Probleme besser national als auf europäischer Ebene lösen ließen.
Eines dieser Probleme ist die Wolfsjagd - beziehungsweise die Brüsseler Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie aus dem Jahr 1992. Gemäß der Direktive ist der Wolf eine gefährdete Spezies und muss daher auf dem Gebiet der gesamten Europäischen Union geschützt werden.
"Gefährdung für Umwelt, Mensch oder Tier"
Die finnische Regierung sieht im Wolf jedoch eher eine gefährliche als eine gefährdete Spezies und fragt regelmäßig (zuletzt Ende Dezember vergangenen Jahres) bei der EU-Kommission an, ob die strengen Artenschutzregeln im Fall des finnischen Wolfes nicht etwas weicher ausgelegt werden könnten.
Dies wird mit - auch von der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie vorgesehenen - "besonderen Umständen" begründet. In diese Sonderfälle würde Finnland gemäß einem Bericht des EUobservers gerne das Recht zum Wolfsabschuss einreihen, wenn der Wolfsbestand eine "Gefährdung für die Umwelt, für andere Menschen oder Tiere oder für die Wölfe selbst" darstelle.
135 finnische Wölfe
Die EU-Kommission zeigt sich jedoch bisher unnachgiebig. Mehr noch: im September verklagte Brüssel Finnland sogar vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), weil die Finnen bereits großzügig Wolfsjagdscheine an die heimischen Jäger verteilten.
Bevor jedoch auch nur ein einziger Wolf abgeschossen werden dürfe, müsse sich der Gesamtbestand erst verzehnfachen, gibt die EU-Kommission immer wieder zu bedenken. Zurzeit gehen Zählungen von 135 in 20 verschiedenen Rudeln lebenden finnischen Wolfsexemplaren aus.
Angst unter Schulkindern und Elchjagdhunden
Die überschaubare Zahl ist der finnischen Regierung jedoch bereits mehr als genug. Da die Finnen vor allem in kleineren Gemeinden und kaum in Großstädten lebten, habe in dem großen skandinavischen Land fast jeder Finne einen Wolf in seiner Nachbarschaft.
Immer wieder wird geklagt, dass die Wölfe für die Elchjagd eingesetzte Hunde angreifen und töten würden. Aber auch zahlreiche Kinder sollen sich auf ihrem Schulweg nicht mehr sicher fühlen.
Allerdings sind schon seit langem keine Angriffe des Wolfes auf Menschen mehr bekannt geworden. Die letzte Wolfsmeldung aus Finnland lässt eigentlich eher vermuten, dass die von den 135 finnischen Wölfen ausgehende Gefahr bei Weitem überschätzt wird.
Wehrhafte Elchmutter schlägt Wolfsrudel in Flucht
Wie die Nachrichtenagentur FNB im Dezember berichtete, zog ein finnischer Wolf bei einem im Rudel durchgeführten Angriff auf eine Elchmutter und ihr Junges nahe der Ortschaft Sonkajörvi den Kürzeren. Das Kalb wurde getötet, danach ging das Muttertier jedoch zum Gegenangriff über, zertrampelte einen Angreifer und schlug den Rest der Raubtierbande in die Flucht.
Die durch einen vom Opferwolf getragenen Radiopeilsender rekonstruierbare Geschichte dürfte weder bei den Luxemburger EU-Richtern noch bei der EU-Kommission die Angst vorm bösen Wolf erhöht haben. Stattdessen könnte die auch bei EU-Skeptikern weit verbreitete Einstellung gestärkt werden, dass die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie ein hervorragendes Beispiel dafür ist, wie insbesondere Umwelt- und Naturschutzprobleme besser auf EU-Ebene und nicht von den Nationalstaaten gelöst werden.
Carsten Wollenweber (16.01.2006)