Staatsfeind Nummer zwei
Wer glaubte, dass das britische Anti-Terrorpaket nur auf islamistische Bombenleger abzielt, sieht sich getäuscht. Auch gewaltbereite Tierversuchsgegner geraten verstärkt ins Visier der Fahnder.
Britische Tierschützer gelten als die kompromisslosesten der Welt. Provokative Aktionen (Foto), für die vor allem die Organisation PETA (People for Ethical Treatment of Animals) steht, sind eher harmlose Formen des Protestes gegen die bevorzugten Ziele der Tierrechtler. Hierzu gehören in erster Linie die pelzverarbeitende Bekleidungsindustrie sowie Tierversuchsbetreiber.
Brandbomben, Grabschändungen und nächtliche Zerstörungstaten
ALF, die "Animal Liberation Front", zieht in ihrem tierischen Befreiungskampf häufig ganz andere Register. Jüngst hatten mutmaßliche ALF-Mitglieder eine Brandbombe vor der Eingangstür eines Mitarbeiters des Arzneimittelherstellers GlaxoSmithKline detonieren lassen. Auf das Konto der Tierbefreiungsfront dürfte auch die Schändung eines Grabes, in dem eine enge Verwandte eines Versuchsmeerschweinchenzüchters begraben lag, Anfang September im englischen Newchurch gehen.
Die radikale Tierschutzlobby bekannte sich ebenfalls zu einem vor Wochen erfolgten nächtlichen Angriff auf die Oxford University, die gerade dabei ist, ein neues Primaten-Forschungszentrum aufzubauen. Es entstand Sachschaden in Millionenhöhe.
3 Mrd. Pfund Jahresumsatz in Gefahr
Vertreter der Pharmaindustrie sprechen ob dieser Ereignisse bereits von einer "Gefährdung der Zukunft der pharmazeutischen Forschung in Großbritannien". In einem Gespräch mit der Ärzte-Zeitung sagte der Sprecher des britischen Pharmaverbandes, dass in den vergangenen Jahren Dutzende Mitarbeiter pharmazeutischer Unternehmen mittels Morddrohungen, Brandbomben, Schlägen und Erpressung attackiert worden seien.
Obwohl es, zumindest bezüglich der Kapitalverbrechen bisher bei Drohungen blieb, sieht sich Scotland Yard mittlerweile veranlasst, ALF als "sehr gefährlich" einzustufen.
Die Warnungen der pro Jahr rund 3 Mrd. Pfund umsetzenden britischen Pharmaindustrie stoßen nun auch bei der Regierung nicht länger auf taube Ohren. Wie die Times berichtet, plant Innenminister Charles Clarke, künftig gegen radikale Tierversuchsgegner gleichermaßen vorzugehen wie gegen Terroristen. So soll bereits die Anstiftung zu Gewaltakten mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft werden können.
"Glorifizierung militanter Aktionen"
Ganz im Geiste der nach den Anschlägen in der Londoner U-Bahn verabschiedeten Anti-Terrormaßnahmen würden nach dem Willen Clarkes auch radikale Tierversuchsgegner bei einem Verdacht auf Teilnahme an Gewalttaten bis zu drei Monate ohne Anklage in Polizeihaft festgehalten werden können.
Zudem sollen die harten Strafmaßnahmen nicht nur für Sachbeschädigungen von Labors oder anderen Industrieeinrichtungen gelten, sondern bereits bei einer "Glorifizierung militanter Aktionen".
Innenminister Clarke hat sogar schon einen "Hassprediger" unter den Tierrechtlern ausgemacht. Im August diesen Jahres untersagte er dem amerikanischen ALF-Sympathisanten Steven Best die Einreise ins Vereinigte Königreich. Best hatte zuvor im Rahmen einer Konferenz gesagt, dass es legitim sei, "Gesetze zu brechen und Eigentum zu zerstören, bis wir unseren Kampf gewonnen haben werden".
Carsten Wollenweber (November 2005)